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DLH98 Editorial Archiv

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Editorial - 28. Juli 2002

 Zwei Geschichten
 
 Geschichte 1
 
 Du gehst durch die Stadt und siehst vor Geschäft ein hübsches Mädchen stehen,
 das dir auf Anhieb gefällt. Da du z.Zt. solo bist, beschließt du, dein Glück zu
 versuchen. Du stellst dich auch vor das Schaufenster und tust ganz beschäftigt.
 Du wartest einen Moment ab und als sie zufällig zu dir herüberschaut sagst du
 'Hallo'.
 
 Sie mustert dich von Kopf bis Fuss und dreht gruß- und wortlos ihren Kopf wieder
 in Richtung Scheibe. Du beschließt, so schnell nicht aufzugeben und versuchst
 sie in Gespräch zu verwickeln, in dem du ihr Fragen zu den Fläschchen im
 Schaufenster (es ist eine Parfümerie), in dem du ihr suggerierst, dass du keine
 Ahnung von Parfüms hättest und sie sei doch sicher eine Expertin. Das
 schmeichelt ihr zumindest so weit, dass sie dir einige Sätze dazu sagt, worauf
 es beim Parfümkauf ankommt. Du bist der Meinung, das Eis sei gebrochen und
 fragst sie, ob sie nicht Lust hätte, bei einem Kaffee im Bistro nebenan dir noch
 weitere Tipps zu geben. Sie mustert dich noch einmal und murmelt dann etwas von
 einer Freundin, die jeden Moment kommen müsste und Zeit hätte sie auch nicht. Du
 greifst zu deinem letzten Mittel und kramst in deiner Hosentasche und lässt
 dabei 'aus Versehen' den Porscheschlüssel fallen, den du letztes Jahr irgendwo
 auf dem Flohmarkt gekauft hast. Schlagartig verändert sich ihre ganze
 Körpersprache, ihr Gesicht hellt sich auf und sie dreht sich zu dir. Auf der
 anderen Seite würde es wahrscheinlich doch noch etwas dauern, bis die Freundin
 kommen würde, die verspäte sich sowieso immer.
 
 Ihr betretet also das Bistro und sie bestellt zielsicher den teuersten Cafè
 Amaretto. Unaufgefordert fängt sie an von sich zu erzählen, dass sie angefangen
 hätte zu studieren, aber dieser ganze theoretische Kram sei doch eh nur Ballast.
 Da hätte sie das Studium geschmissen und würde jetzt als Kellnerin in DER In-
 Kneipe arbeiten. Nachdem sie schnell noch aufgezählt hat, welche Prominenz
 regelmässig in dieser Kneipe verkehrt und dass die 'so unheimlich menschlich'
 wären, erwähnt sie noch, dass eine gute Kellnerin wie sie sowieso mehr verdienen
 würde als eine Sozialarbeiterin.
 
 Du hast bis dahin noch keinen ganzen Satz von dir geben können. Als sie kurz ihr
 Handy checkt, ob sie vielleicht eine SMS bekommen hat, ergreifst du die
 Gelegenheit und versuchst das Gespräch auf ein Thema zu bringen, das dich auch
 interessiert. Da du selbst natürlich nur die klassischen Männerhobbys hast
 (Computerzocken und American Football) fragst du sie geschickt was denn für
 Musik in ihrer Kneipe laufen würde und ob ihr die gefallen würde. Sie antwortet,
 dass der Chef zwar vorgeschrieben hätte, was für Musik laufen sollte, aber das
 würde sie immer ignorieren und nur ihre eigenen Tapes abspielen. Erstens hätte
 ihr Chef keine Ahnung von guter Musik und zweitens müsste sie sich ja
 schließlich das Zeugs den ganzen Tag anhören. So würde immer Erykah Badu und
 Alanis laufen. Und überhaupt, Leute, die auf Rockmusik stehen, seien doch alle
 oberflächlich. Du beschließt deswegen nicht über deine musikalischen Vorlieben
 zu sagen. Als du gerade anfangen willst von dir zu erzählen, klingelt ihr Handy,
 irgendein Anrufer, der abwechselnd Schatzi oder Mausebär genannt wird, ist dran
 und sie telefoniert muntere sieben Minuten mit ihm, natürlich nicht, ohne
 zwischendurch noch einen Kaffee zu ordern. Als sie dann endlich auflegt, gibt
 sie noch schnell die Geschichte zum Besten, wie der Handyladen ihr Telefon nur
 in Glutrot und nicht in Rubinrot vorrätig hatte und wie sie dem Verkäufer eine
 Szene gemacht hätte, ob er sie 'für doof verkaufen wollte', da sei er bei ihr
 aber an die Falsche geraten. Ausserdem hätte das Handy einen riesigen
 Nummernspeicher, denn Zahlen könnte sie sich nicht merken.
 
 Voller Verzweifelung unternimmst du einen letzten Versuch herauszufinden, ob
 dieses Wesen noch irgendetwas anderes zu bieten hat, als das, was du unter ihrem
 Gucci-T-Shirt vermutest und fragst sie mutig, wenn auch nicht mehr besonders
 hoffnungsvoll, ob sie dir eine gute Urlaubslektüre empfehlen könnte, du wolltest
 mal wieder ein richtig gutes Buch lesen. Leicht irritiert schaut sie dich an und
 meint dann nur, es würde ja doch alle guten Bücher irgendwann für das Kino
 verfilmt, darauf könne sie warten. Wenn sie mal etwas lesen wollte, würde sie
 sich die Amica holen.
 
 Du winkst der Bedienung, bezahlst nur deinen Kaffee, schenkst dem Kellner als
 Trinkgeld den Porscheschlüssel und gehst nach Hause und spielst eine Runde
 Everquest.
 
 
 Geschichte 2
 
 Du gehst durch die Stadt und siehst vor Geschäft ein hübsches Mädchen stehen,
 das dir auf Anhieb gefällt. Da du z.Zt. solo bist, beschließt du, dein Glück zu
 versuchen. Du stellst dich auch vor das Schaufenster und tust ganz beschäftigt.
 Du wartest einen Moment ab und als sie zufällig zu dir herüberschaut sagst du
 'Hallo'.
 
 Sie wendet sich zu dir und sie mit einem freundlichen Lächeln ebenfalls 'Hallo'.
 Etwas schüchtern dreht sie sich wieder ab und schaut wieder auf die Fläschchen
 im Schaufenster (es ist eine Parfümerie). Du beschließt, so schnell nicht
 aufzugeben und versuchst sie in Gespräch zu verwickeln, in dem du ihr Fragen zu
 den Parfüms, in dem du ihr suggerierst, dass du keine Ahnung von Parfüms hättest
 und sie sei doch sicher eine Expertin. Sie dreht sich wieder zu dir und erklärt
 dir, dass sie leider auch nicht besonders viel Ahnung hätte, sie selbst würde
 nur selten Parfüm benutzen und ihre Katze sei auch etwas allergisch dagegen.
 Aber ihr Lächeln macht dir Mut und du fragst sie, ob nicht doch Lust hätte, dir
 bei einem Kaffee im Bistro nebenan dir noch Tipps zu geben, denn du selbst
 seiest parfüm-mässig völlig unbeleckt. Sie sagt, dass sie eigentlich auf eine
 Freundin warte, denkt aber ein paar Sekundenbruchteile nach, zieht ihr schwarzes
 Handy hervor, tippt eine Nummer ein und fragt schnell bei ihrer Freundin nach,
 wo sie denn bleibe. Nach ein paar Sekunden ist das Gespräch auch schon wieder
 beendet und sie sagt dir, dass ihre Freundin sich 'wohl irgendwo festgequatscht'
 hat und das sie noch etwas Zeit hätte. Sie würde gern einen Kaffe mit dir
 trinken.
 
 Ihr betretet also das Bistro und sie bestellt einen Cappuccino. Dann erzählt sie
 noch mal die Geschichte mit der Katze und entschuldigt sich, dass sie nicht mehr
 helfen könnte. Als der Kellner mit dem Kaffee kommt, hört man leise aus dem
 Lautsprecher in der Decke des Bistros wie das laufende Musikprogramm durch
 Moderation unterbrochen wird und wie sich ein Hörer den Song Silent Lucidity von
 Queenryche wünscht. Das findet sie klasse, das sei ihr absoluter Lieblingssong
 gefolgt von vielen Sachen von Queen. Mit Queenryche sei sie mal 'auf Tour
 gewesen' als sie für diesen Konzertveranstalter gejobbt hätte. Das sei eine
 tolle Zeit gewesen, aber heute ärgert sie sich etwas darüber solang 'rumgejobbt
 zu haben, es sei jetzt mit ihren 26 total schwer, einen Ausbildungsplatz zu
 finden. Aber nächste Woche hätte sie ein Vorstellungsgespräch bei einer
 Medienagentur, deren Internetsparte suche noch Leute, das Internet fände sie
 total spannend. Ich erwähne, dass ich auch 'etwas mit Internet' mache und sofort
 werde ich schonungslos ausgequetscht, 'Was denn?' und 'Wo denn?' und 'Wie denn?'
 und 'Kannst du mir nicht Tipps geben, was ich beim Gespräch noch sagen kann?'.
 Ich kann!
 
 Auf das Internet sei sie damals gekommen, als eine Freundin ihr einen Job bei
 einem Uniprojekt vermittelt hatte. Die suchten damals jemanden, der
 Literaturfundstellen in einen Datenbank einpflegt und ihre Freundin hätte
 gemeint, da sie doch so eine 'Leseratte' sei, wäre das doch eine netter Job für
 sie. Leider gab es diesen Job nur ein Semester lang. Aber es hätte riesigen
 Spass gemacht, sie sei damals vor allem mit neuerer amerikanischer Literatur in
 Berührung gekommen, mit Brett Easton Ellis oder Neil Stephenson. Manchmal würde
 sie davon träumen, auch mal eine Cyberexistenz zu haben wie Hiro Protagonist in
 Snowcrash.
 
 Voller Freude unternimmst du einen letzten Versuch herauszufinden, ob diesem
 Wesen vielleicht doch irgendetwas aus deiner Welt befremdlich vorkommt, obwohl
 du langsam schon daran zweifelst. Das, was dir am Anfang an ihr aufgefallen war,
 nämlich das, was du unter ihrem H&M-T-Shirt vermutest, ist schon lange in den
 Hintergrund getreten. Und so wundert es dich dann auch nicht mehr, dass sie mit
 ihrem Bruder immer Unreal Tournament zockt, wenn der mal zu Besuch ist.
 
 Plötzlich klingelt ihr Handy und sie geht ran, sagt 'ok' und legt wieder auf.
 Ihre Freundin sei jetzt da und sie würde es hassen, jemanden zu versetzen. Dann
 schaut sie etwas unter sich und sagt etwas unsicher: 'Außerdem wusste ich ja
 nicht, welche nette Leute ich heute kennen lernen würde!' Dann ruft sie den
 Kellner und bezahlt ihren Cappuccino. Bevor sie geht schreibt sie mir ihre
 Handynummer auf einen Bierdeckel und sagt, sie würde sich freuen, wenn ich sie
 mal anrufen würde, z.B. morgen hätte sie den ganzen Tag Zeit.
 
 Ich winke der Bedienung, bezahle auch und gehe nach Hause. Meine Einkäufe waren
 längst vergessen und Everquest gespielt habe ich heute nicht mehr. Dafür habe
 ich die Live-Killers-Platte von Queen aufgelegt und das schon ziemlich
 abgegriffene Snowcrash aus dem Regal genommen und es zum sechsten Mal angefangen
 zu lesen.
 
 
 Eine dieser Geschichten entbehrt nicht einer gewissen Fiktion ...
 
 Kommantare bitte an editor@dlh.net.
 
 Have fun,
 
 Eurer Bernd
 Editor@DLH.Net
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