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DLH98 Editorial Archiv

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Editorial - 5. Oktober 2002

 Hallo liebe Leute,
 
 es ist alles relativ. Wenn man etwas mitzuteilen hat, gerade wenn es
 etwas schlechtes ist, ist die Art der Präsentation schon wichtig. Dazu
 ein Beispiel:
 
 ***
 
 Liebe Mama lieber Papa
 
 seit ich von zu Hause fort und im College bin, war ich, was das Briefe
 schreiben angeht, sehr säumig. Es tut mir leid, dass ich so unachtsam war und
 nicht schon früher geschrieben habe. Ich will Euch nun auf den neusten Stand
 bringen, aber bevor Ihr anfangt zu lesen, nehmt Euch bitte einen Stuhl. Ihr
 lest nicht weiter, bevor Ihr Euch gesetzt habt! Okay?
 
 Also, es geht mir inzwischen wieder einigermaßen. Der Schädelbruch und die
 Gehirnerschütterung, die ich mir zugezogen hatte, als ich aus dem Fenster
 des Wohnheims gesprungen bin, nachdem dort kurz nach meiner Ankunft ein
 Feuer ausgebrochen war, sind ziemlich ausgeheilt. Ich war nur zwei Wochen im
 Krankenhaus und kann schon fast wieder normal sehen und habe nur noch einmal
 am Tag diese wahnsinnigen Kopfschmerzen.
 
 Glücklicherweise hat der Tankwart einer Tankstelle das Feuer im Wohnheim und
 meinen Sprung aus dem Fenster gesehen und die Feuerwehr sowie Krankenwagen
 gerufen. Er hat mich auch im Krankenhaus besucht - und da das Wohnheim
 abgebrannt war, und ich nicht wusste, wo ich unterkommen sollte, hat er mir
 netterweise angeboten, bei ihm zu wohnen.
 
 Eigentlich ist es nur ein Zimmer im 1. Stock, aber es ist doch recht
 gemütlich. Er ist ein sehr netter Junge und wir lieben uns sehr und haben
 vor, zu heiraten. Wir wissen noch nicht genau wann, aber es soll schnell
 gehen, damit man nicht sieht, dass ich schwanger bin.
 
 Ja, Mama und Papa, ich bin schwanger. Ich weiß, wie sehr Ihr Euch freut,
 bald Großeltern zu sein und ich weiß, Ihr werdet das Baby gern haben und ihm
 die gleiche Liebe, Zuneigung und Fürsorge zukommen lassen, die Ihr mir als
 Kind gegeben habt.
 
 Der Grund, warum wir nicht sofort heiraten, ist, dass mein Freund Aids hat,
 daher ist es uns nicht möglich eine voreheliche Blutuntersuchung
 durchzuführen, denn auch ich habe mich angesteckt.
 
 Ich weiß, Ihr werdet ihn mit offenen Armen in unserer Familie aufnehmen. Er
 ist nett und ehrgeizig, wenn schulisch auch nicht besonders ausgebildet.
 Auch wenn er eine andere Hautfarbe und Religion hat als wir, wird Euch das
 sicherlich nicht stören.
 
 Jetzt, da ich Euch das Neuste mitgeteilt habe, möchte ich Euch sagen, dass es
 im Wohnheim nicht gebrannt hat, ich keine Gehirnerschütterung oder
 Schädelbruch hatte, ich nicht im Krankenhaus war, nicht schwanger bin, nicht
 verlobt bin, mich nicht angesteckt habe und auch keinen Freund habe.
 Allerdings bekomme ich eine sechs in Geschichte und eine fünf in Chemie, und
 ich möchte, dass Ihr diese Noten in der richtigen Relation seht!
 
 Eure Tochter Sara
 
 ***
 
 Ihr seht also, wie man es angehen muss, das klappt mit allen Personen, denen
 man etwas zu beichten hat.
 
 Einen schönen Oktober noch ...
 
 Eurer Bernd
 Editor@DLH.Net
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