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DLH98 Editorial Archiv

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Editorial - 1. März 2004

 Liebe Leute,
 
 war es nicht schrecklich, dieses ganze Dschungel-Zeugs im Fernsehen? Erst dieser
 Hype während die Sendung lief und jetzt versucht natürlich jeder dieser Ex-Stars
 daraus auch noch Kapital zu schlagen. Da kommen Songs in die Charts, die niemals
 hätten aufgenommen werden sollen und leute wieder ins Fernsehen, denen man
 eigentlich schon die TV-Lizenz entzogen hatte. Das einzig positive an diesen
 ganzen Nach-Dschungel-Aktivitäten ist, das Mariella Ahrens sich für den P... ...,
 aber dazu vielleicht mehr ein anderes Mal. Jedenfalls habe ich auf meinen
 Expeditionen ins Internet einen Text gefunden, der meine Haltung ziemlich gut
 beschreibt und den möchte ich hier mal in aller Länge zitieren:
 
 Es wird alles noch viel schlimmer kommen
 Von Jörg Thomann
 
 18. Januar 2004 Die Dschungel-Show bei RTL nähert sich ihrem Ende - und damit,
 so könnte man meinen, auch der Medien-Hype. Doch es dürfte alles noch viel
 schlimmer kommen.
 
 Werfen wir einen Blick in eine trübe Fernsehzukunft.
 
 20. Januar. 14 Millionen Zuschauer verfolgen das Finale der Show, für das RTL
 sein gesamtes Programm geändert hat. Die Übertragung beginnt um 18 Uhr MEZ,
 unterbrochen von "RTL aktuell", das Peter Kloeppel direkt aus dem Dschungel
 moderiert. Der Sieger Daniel Küblböck verläßt das Camp um zwei Uhr morgens und
 erleidet vor Rührung einen zwanzigminütigen Weinkrampf, den RTL in voller Länge
 überträgt. Die Sendung endet gegen drei Uhr mit den erschütternden Bildern von
 Costa Cordalis, der aus dem Camp getragen wird, nachdem er freiwillig nicht
 gehen wollte.
 
 Bei Sat.1 hat kurz zuvor Ulrich Meyer versucht, die RTL-Show als Fake zu
 entlarven: Seine "Akte 04"-Reporter haben vor Ort herausgefunden, daß die
 Luftfeuchtigkeit statt angeblich 95 nur 92 Prozent beträgt. Zudem erzählt ein
 anonymes Mitglied der australischen Crew, daß die Wasserspinne, die Küblböck
 fast zu Tode erschreckte, eventuell aus Gummi gewesen sei. Der erhoffte Skandal
 bleibt aus.
 
 21. Januar. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse fordert RTL auf, dem
 "unwürdigen Spektakel" ein "baldiges Ende" zu setzen.
 
 22. Januar. RTL gibt bekannt, daß die Urwald-Utensilien der Stars zu Charity-
 Zwecken versteigert werden - Hüte, T-Shirts, Badehosen, Bettzeug, Massagebälle.
 Vom März an will RTL zudem Pilgerreisen ins Camp organisieren.
 
 27. Januar. In einer nach dem Urteil der Moderatorin "ergreifenden" Sendung
 schildert Susan Stahnke bei Maischberger unter Tränen die entbehrungsreiche Zeit
 im Dschungel. Bessere Quoten hat mal wieder Kerner, der seine vier Sendungen in
 dieser Woche dem Sieger Küblböck gewidmet hat. Den journalistischen Scoop
 gelandet hat jedoch tags zuvor schon Beckmann: Er hat aus Caroline Beil
 herausgekitzelt, daß sie an der Show allein deshalb teilgenommen hat, "um
 berühmt zu werden".
 
 Februar. Alle Dschungel-Stars sind gut im Geschäft. Nicht nur tauchen sie
 ständig bei "Bild" und in "Promi-Shows" auf, sie bekommen sogar eigene
 Sendungen: Lisa Fitz eine Kochshow bei Vox, Carlo Thränhardt ein Extremsport-
 Magazin im DSF. Der zweite Teil von Daniel Küblböcks Biographie, der seine
 Mannswerdung im Urwald schildert, führt die Bestsellerliste an, gefolgt von
 "Gefangen im TV-Dschungel", einem Gemeinschaftswerk der Medienwissenschaftler
 Lothar Mikos und Jo Groebel. Mariella Ahrens, Susan Stahnke und Caroline Beil
 erhalten Angebote, sich für den "Playboy" auszuziehen. Die beiden letzten lehnen
 ab, weil sie das längst getan haben.
 
 März. Musikalisches Comeback für Werner Böhm: Seine "Polonaise Blankenese" im
 Remix von Westbam stürmt die deutschen Charts. Sein Auftritt als Gottlieb
 Wendehals wird zum Meilenstein der "Top of the Pops"-Geschichte. April. Sat.1
 kündigt die Show "Ich bin berühmt und will hier weg" mit Barbara Salesch und
 Thomas Koschwitz an; versprochen werden noch mehr Kakerlaken und noch tiefere
 Tümpel.
 
 Juni. ARD-Programmchef Günter Struve verkündet die Verpflichtung Sonja Zietlows.
 Sie sei ein "frisches Gesicht" und passe hervorragend zur ARD, so Struve; mit
 Bärbel Schäfer, Margarethe Schreinemakers und Zietlow habe man ein Trio starker
 Frauen versammelt, "um das man uns beneidet". Weniger Glück hat Co-Moderator
 Dirk Bach, dessen ZDF-Serie "Der kleine Mönch" eingestellt wird: Das Publikum
 findet ihn als Mann Gottes jetzt unglaubwürdig.
 
 September. Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises wird "Ich bin ein
 Star" als "Beste Unterhaltungssendung", als "Beste tägliche Sendung" und als
 "Beste Comedy" gekürt. Einen Eklat erzeugt Harald Schmidt, als er sich weigert,
 die Preise zu überreichen.
 
 Oktober. Für Aufregung sorgen Berichte, wonach auch das ZDF eine Camp-Show
 plant. Man müsse mit der Zeit gehen, sagt Intendant Schächter auf Nachfrage,
 betont aber, daß "die Handschrift des ZDF" erkennbar bleibe. In der Tat: ZDF-
 Stars wie Peter Hahne, Dieter Kürten, Gaby Dohm und Rolf Schimpf campen auf
 einer Lichtung im Odenwald. Hungern müssen sie nicht, doch es gibt nur Trennkost
 und alkoholfreies Bier. Auf die "menschenverachtenden Dschungel-Prüfungen"
 (Schächter) wird verzichtet; statt dessen stellen die Moderatoren Marianne und
 Michael "heitere Quizfragen".
 
 Dezember. Dschungel-Shows laufen bei Sat.1, Pro Sieben und Viva; Super RTL zeigt
 eine Variante mit Kindern. RTL 2 arbeitet an "Ich bin ein Popstar", wo sich im
 Urwald eine Band formen soll.
 
 Januar 2005. Endlich kehrt das Original zurück: RTL startet "Ich bin ein Star",
 Teil zwei. Die Besetzung ist noch illustrer als in Runde eins: Sonya Kraus,
 Carsten Spengemann, Alexandra Kamp, Michel Friedman, Lucy von den "No Angels",
 Guildo Horn, Jenny Elvers-Elbertzhagen, Michaela Schaffrath, Hellmuth Karasek
 und, zum zweiten Mal, Costa Cordalis ziehen in den Dschungel - diesmal für acht
 Wochen. Es gibt die Zeitschrift zur Show, alle Stars schreiben Tagebuch, die
 Werbebuchungen sind gut. Die Quoten aber enttäuschen: Selbst die Sendung, in der
 Costa Cordalis einen lebenden Python verspeist, wollen nur zwei Millionen sehen.
 Nach drei Wochen bricht RTL die Zelte ab. Das Publikum, meint Senderchef Zeiler
 lakonisch, habe sich an den Prominenten einfach sattgesehen.
 
 Oktober 2006. Eine Touristengruppe entdeckt im australischen Urwald einen
 verwildert aussehenden Mann, der sich von Käfern ernährt, eine Gitarre bei sich
 trägt und mit griechischem Akzent spricht. Er sei, so sagt er auf Nachfrage, ein
 Star.
 
 Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.01.2004, Nr. 3 / Seite 27
 
 
 Bis denne
 
 Eurer Bernd Wolffgramm
 Editor@DLH.Net
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