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DLH98 Editorial Archiv

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Editorial - 13. Dezember 2000

 Die Geschichte von BigB
 
 
 BigB sass in seinem Büro an der Manhatten Upper East Side und machte das, was er jeden
 Tag so um die Mittagszeit machte. Bei einer Tasse Darjeeling Tee zählte er sein Geld. Früher
 hatte ihm die Aufgabe viel Freude bereitet, aber die ganze Arbeit hatte ihn viele Jahre
 seines Lebens gekostet, viele Freunde hatte er verloren und es war etwas der Reiz und
 Spass am Leben abhanden gekommen. Und auch die immer knapper werdenden Miniröckchen seiner
 Sekretärin Nikki konnten ihm den Tag nicht mehr so richtig versüßen. Ach, es war so einsam
 an der Spitze. Wieder schnürte er einen Stapel Scheine zu einem Bündel zusammen und sein Herz
 wurde immer schwerer. Wagnermusik erklang aus den Lautsprecherboxen, laut genug das Telefon
 zu übertönen, damit er nicht mit den ganzen Bittstellern sprechen musste, die ihn rund um die
 Uhr belagerten.
 
 Doch plötzlich war die Musik mit einem Schlag verstummt, so als ob jemand den Stecker aus der
 Wand gezogen hätte und ein helles Licht erfüllt den Raum. Geblendet von einer gleißenden Lichtkugel
 die sich in der Mitte seines 80m² bildete wendet er sich ab und sah schon sein letztes Stündlein
 gekommen. Dann aber vernahm er eine gar liebreizende Stimme:
 
 "Hallo BigB".
 
 BigB drehte sich um, die Hand schützend vor die Augen haltend. Dem Kern des Lichtes entsteigt die
 Gestalt einer jungen Frau, ihr schulterlanges schwarzes Haar fällt bis auf ihre Schultern und
 glänzt im hellen Licht.
 
 "Ich bin Geli, deine Beschützerin", sagte die Gestalt, ihr Gesicht strahlt dabei soviel Sicherheit
 und Glück aus. "Ich bin gekommen, um deinem Leben wieder einen Sinn zu geben und dir die Freunde
 am Sein wieder einzuhauchen."
 
 Immer noch unfähig sich zu artikulieren, lauscht BigB den Worten der traumhaft hübschen Gestalt.
 
 "Jahrhunderte sind vergangen und niemand hat es bis jetzt geschafft das goldene FAQ zu finden. In
 ihm sind die Geheimnisse aller Computerspiele dieser Welt, ob Konsole oder PC, ob alt, ob neu und
 auch die Geheimnisse aller in Zukunft erscheinenden Spiele enthalten. Derjenige, der dieses goldene
 FAQ besitzt, kann die Geschicke aller Computerspieler nach einem Spielekauf hüten und verwalten.
 Du bist auserwählt, dieses FAQ zu suchen und in deinen Besitz zu bringen. Du wirst das FAQ eingerahmt
 von goldenen Bögen finden. Vorher musst du den Platz mit den vielen Menschen aufsuchen!"
 
 Etwas ungläubig schaute BigB auf, aber wer würde schon solch einer Erscheinung widerstehen können?
 
 "Gehe nun los und suche das goldene FAQ, ich und meine Mitstreiterinnen werden dir gegebenenfalls
 mit Rat und Tat zur Seite stehen."
 
 Und da war das Licht wieder verschwunden und BigB sass wieder allein in seinm Büro, auch die Musik
 lief nun wieder. Vollkommen verwirrt erhob sich BigB vom Boden und schleppte sich zu seinem
 Schreibtisch und drückte den Knopf der Gegensprechanlage:
 
 "Nikki, meinen Wagen, bitte."
 
 "Der ist zur Inspektion", kam es als Antwort.
 
 "Das meinte Geli also mit 'GEHE los'", murmelte BigB vor sich hin.
 
 Seinen letzten Ausflug ohne Auto hat BigB noch in schlechter Erinnerung. Wildfremde Menschen hatten
 ihn angesprochen, ihn berührt, angenießt und gestoßen. Ohne Auto sind irgendwie alle gleich.
 
 Allen Bedenken zur Trotz, bestiegt BigB also den Aufzug, während sich die Türen den Lift schließen
 kann er noch das Fragezeichen auf den Gesicht seiner Sekretärin sehen. Vom 73ten Stockwerk des
 DLH-Buildings gleitet der Lift hinab ins Erdgeschoss, wildfremde Menschen in Nasenbärenkostümen
 laufen ihm über den Weg, niemanden davon hat BigB davon zuvor jemals gesehen. Er geht durch die
 grosse Halle, dann durch das Hauptportal und findet sich auf der Strasse wieder. Menschenmassen
 wabern vor dem DLH-Gebäude vorbei, der Strom ist so undurchdringlich, dass BigB von der Masse einfach
 mitgerissen wird.
 
 "Toll", denkt er bei sich, "wie soll ich nur den Platz mit den vielen Menschen finden, von dem Geli
 gesprochen hat. Hier sind doch überall viele Menschen!".
 
 Es war aber auch müßig, darüber nachzudenken, denn mit seiner schwachen Konstitution hatte BigB
 überhaupt keine Chance, sich anders als der Menschenstrom zu verhalten. Missmutig lies er sich
 also mit der Menge treiben und war schon darauf gefasst, sich vollkommen zu verirren, denn weiter
 weg als die Dönerbude an der Ecke ist er noch nie von seinem Büro gewesen. Doch da geschah etwas
 komisches. BigB sieht wie sich vor ihm Masse teilt, irgendetwas - oder irgendjemand - trotzt dort
 der Masse und teilt sich wie mit einem Keil. BigB merkt, dass irgendetwas ihn zu dieser Stelle
 zieht und hatten bis jetzt seine Beine nicht mehr auf ihn hören wollen, so verlor er nun
 jegliche Kontrolle über die Fortbewegung. Wie von einem Magneten angezogen zog es ihn zu der
 Stelle, wo die Masse sich teilte. Und dann erblickte er den Grund dafür, dass die Menschen hier
 auseinander wichen. Auf dem Boden des Gehweges saß eine junge Frau mit einem Gameboy und zockte
 fröhlich vor sich hin. Es schien eine Art Kraftfeld um sie herum aufgespannt zu sein und die anderen
 Passanten scheinen sie gar nicht zu bemerken. Als das hübsche Kind BigB sieht steht es auf, beendet
 schnell noch einen Level und spricht zu ihm:
 
 "Hallo BigB"
 
 Die Stimme kommt BigB bekannt vor, aber gesehen hatte er dieses liebliche Geschöpf vorher auch noch
 nicht.
 
 "Ich bin Moni und auch ich bin dein Schutzengel. Ich bin gekommen, um dir den Weg zu weisen und dir
 zu helfen."
 
 Und dann nahm sie seine Hand und es war, als würde der Schutzschild von Moni nun auch über BigB
 ausgebreitet. Ihr rotes Haar wehte dabei heftig obwohl es doch vollkommen windstill war, die sah irgendwie
 begehrenswert aber doch unnahbar aus. Mit festem Griff zog sie BigB durch die Menschenmasse und obwohl
 ihr Schritt leichtfüßig, fast schwebend, war, ging sie sehr flott und BigB wird regelrecht hinterher
 gezogen, doch das war mir egal - nur weg hier aus dieser unfreundlichen Masse. So stolperte er hinter
 Moni her.
 
 Plötzlich blieb sie stehen und lies los, blickte ihn mit ihrem unnachahmlichen Lächeln an ... und war
 verschwunden. BigB versuchte die Eindrücke, die auf ihn nur so einprasselten zu ordnen und so erkannte
 er, das er mitten auf einem Platz stand. War das der Platz, von dem Geli gesprochen hatte? Aber hier
 waren doch gar keine Menschen und schon gar nicht viele!
 
 "Nicht einmal seinem Schutzengel kann man trauen", dachte er bei sich und setzte sich an einen kleinen
 Brunnen, der fröhlich vor sich hinplätscherte.
 
 "Was mache ich nun? Ich sitze hier, habe mich verlaufen, kenne niemanden und von den goldenen Bögen ist
 auch nichts zu sehen", dachte BigB und war kurz davor aufzugeben.
 
 Er war jetzt schon 30 Minuten auf der Suche nach dem goldenen FAQ, aber gefunden hatte er es nicht. Das
 die ganze Geschichte so aufwendig werden würde, hätte Geli ihm ruhig auch sagen können.
 
 Plötzlich flogen aufgeregt die Tauben, die um ihn herumgurrten und um Brotkrumen bettelten, davon.
 Plötzlich waren überall Autos, die mit quietschenden Reifen herbeifuhren, Türen wurden geknallt und
 viele Männer erschienen und riefen sich laut Dinge zu. Dann ging alles ganz schnell. BigB spürte, wie
 er von hinten gepackt und zu Boden geworfen wurde und wie sich jemand über ihn warf. Er hörte wie erst
 vereinzelt Schüsse, dann ganze Salven abgegeben wurden. Es war nichts mehr zu hören außer dem Gekrache
 von Dutzenden von Waffen. Ein stechender Geruch lag in der Luft und BigB schloss die Augen, sein Ende
 schien wieder einmal nah zu sein. Plötzlich war alles vorbei und der Qualm verzog sich. Er hörte
 lachende Stimmen, hob den Kopf - immer noch am Boden liegend - und sah scherzende Männer, die sich in
 den Armen lagen und leicht beschwingt in ihre Autos stiegen und davon fuhren.
 
 "Sie sind wohl alle im God-Mode erschienen", hörte BigB eine Stimme sagen, die ihm bekannt vorkam.
 
 Und dann realisierte er, dass er immer noch neben dem Brunnen am Boden lag und das derjenige, der sich
 schützend auf ihn geworfen hatte immer noch auf ihm lag. Oder vielmehr diejenige ...
 
 "Hallo BigB"
 
 Schon wieder.
 
 "Ich bin Tessi und auch ich bin dein Schutzengel", sagte die junge blonde Frau, die vor ihm stand. "Ich
 bin die letzte, die dir auf deiner Odyssee zum goldenen FAQ den Weg weisen wird." Und dann wieder eines
 dieser Lächeln, die BigB den Verstand raubten.
 
 Und Tessi streckte den Arm aus und zeigte in eine dunkle Gasse.
 
 "Gehe dort entlang und du wirst auf deiner Suche nach dem goldenen FAQ einen großen Schritt weiterkommen."
 
 BigB schaute die schwarze Strasse hinunter und als er Tessi noch etwas fragen wollte, da war sie nicht
 mehr da.
 
 "Hübsch waren sie ja alle drei", dachte BigB, "aber irgendwie nicht besonders permanent".
 
 Und so ging BigB in die schwarze Gasse hinein, es war so finster, dass man fast die Hand vor Augen nicht
 sehen konnte (und das mitten am Tag). Er schlenderte etwa 5 Minuten vorwärts, da sah er im Schein einer
 schwachen Laterne einen riesigen Kerl stehen, der, als er BigB erblickte langsam auf ihn zukam. BigB wurde
 gewahr, was der letzte Schutzengel Tessi gesagt hatte, irgendwas mit 'die letzte', also war mit weiblichen
 Beistand diesmal nicht zu rechnen.
 
 Als der Riese nur noch 20 Meter von BigB entfernt war, zog diese ein Samurai-Schwert aus seinem Mantel und
 rannte mit Geschrei auf BigB los.
 
 Als BigB dann wenige Momente später um die Ecke schlenderte, dachte er bei sich: "Komischer Kerl, kommt zu
 einem Pistolenduell mit einem Schwert, tsts" und steckte den .22er Revolver, den er vorher auf dem Platz bei
 der Schiesserei hatte mitgehen lassen, wieder ein.
 
 Und dann sah er sie: die goldenen Bögen ... das Ziel war bald erreicht.
 
 Naja, das goldene FAQ hat er dann doch nicht gefunden, aber immerhin kennt er jetzt den Weg von seinem Büro
 zu McDONALDS.
 
 Diese Geschichte ist natürlich wahr, alle handelnden Personen gibt es.
 
 Macht es gut.
 
 Bernd Wolffgramm
 Editor@DLH.Net
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