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DLH98 Editorial Archiv

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Editorial - 19. März 2001

 Liebe Leute,
 
 Angelika hat FREIWILLIG eine Editorial geschrieben, was ich natürlich dankend
 hier veröffentliche.
 
 Bis nächste Woche, Euer Bernd
 
 Eine Begegnung der besonderen Art...
 
 Etwas rüttelte unsanft an meiner Schulter. Wer zur Hölle weckte mich denn jetzt,
 mitten in diesem wunderbarem Traum ? Ich versuchte, das Wachwerden zu ignorieren
 und strengte mich mächtig an, wieder an den Ort meines schlafenden Bewusstseins
 zu gelangen, doch da war es schon wieder, diesmal so heftig, dass mein ganzer
 Oberkörper in Bewegung geriet.
 
 Wütend schlug ich die Augen auf und blickte in eine - Steckdose. Langsam
 verflüchtigte sich der Schleier vor meinen müden Augen und ich sah : Die
 Steckdose war in Wirklichkeit eine Nase, die nur aussah, wie eine Steckdose. Das
 war eine dieser Mutationen, die unabänderlich schienen.
 
 Fast genauso langsam wie meine klare Sicht, kehrte auch meine Erinnerung zurück,
 leider nicht schnell genug, um mir das Teil, das unter meinen Kopf lag,
 schützend über meine Ohren zu stülpen. Da war sie auch schon, diese quiekende,
 grellkreischende Stimme: "Aufstehen! Sofort!" , es war die reinste Folter. Immer
 wenn sie aufgeregt waren, erhöhte sich ihre Stimmlage auf unverdaubare Dezibel
 in den oberen Frequenzbereichen.
 
 Vorsichtshalber setzte ich mich aufrecht hin und die Stimme verstummte. Ich
 griff immer noch müde nach den Sachen neben mir und entdeckte, zu meinem
 Entsetzen, dass ich die Nacht im Stroh verbracht hatte, nackt, in einem
 Schlafsack , mein Kopf hatte auf einem noch näher zu untersuchendem braunen
 leinenartigen Gebilde geruht. Immer noch schlaftrunken, aber grübelnd blickte
 ich mich um und sah die ganzen anderen Menschen - entweder noch im Schlafsack,
 oder - oh nein ! - ohne Schlafsack .
 
 Männer und Frauen, keine Kinder, wie ich aufatmend feststellte - wo war ich
 hier? Eine FKK-Scheune? Die Menschen liefen ungeniert splitterfasernackt durch
 die Gegend, manche zogen sich gerade etwas über, andere wuschen sich an einer
 Art Badewanne, die aussah wie ein Trog , aber niemand lächelte und es herrschte
 eine merkwürdige bedrückte Stille, die in diesem Moment wieder von der grellen
 Stimme unterbrochen wurde. Mein Blick fiel auf den Rücken dieser Stimmer und ich
 sah das Ringelschwänzchen.
 
 Schlagartig war ich ganz wach und die Erinnerung traf mich mit aller Wucht: Ich
 blickte auf den Rücken eines mutierten Menschen, allerdings war es absolut
 verboten, sie so zu nennen, das Wort Menschen war offiziell zum Schimpfwort
 erklärt worden. Sie bestanden auf die Namen : Wesen (die unterste Rangordnung,
 vergleichbar mit der arbeitenden Bevölkerung), Oberwesen (mittlere Rangordnung,
 vergleichbar mit den verwaltenden Kräften) und Überwesen (die absolute
 Oberschicht - die herrschende, gesetzgebende und rechtsprechende Klasse in
 Einem).
 
 Der Rücken des "Wesens" entfernte sich weiter von mir. Äußerlich war er nur
 durch das Ringelschwänzchen (übrigens hatten diese Ringelschwänzchen eine
 komplett neue Produktlinie im textilen Bereich hervorgerufen , stolz auf ihren
 Status als "Wesen", sollte dieses markante Merkmal nicht unter der Kleidung
 verborgen bleiben), durch die leicht herabhängenden Ohren und von vorne durch
 die Steckdosennase von uns Menschen (wir wurden auch weiterhin "Menschen"
 genannt) zu unterscheiden.
 
 Leider hörten damit die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. Nur rein
 äußerlich fast Mensch mutierten sie zu einer völlig unvorhersehbaren neuen
 Spezie - den Schweinemenschen. Zum letzten Jahrtausendwechsel , im Zeitalter der
 Gentechnologie , wurden experimentierfreudige Forscher nicht müde, immer
 waghalsigere - unter dem legalen Mäntelchen zum Wohle der Allgemeinheit
 (lebende Ersatzteillager für Menschen z.B.) - Zellkreuzungen , Genveränderungen
 und Embryonenmanipulationen durchzuführen.
 
 Zum besonderen Steckenpferd der Wissenschaftler entwickelte sich dabei das
 Klonen und es war nur eine Frage der Zeit, irgendwann würde einer von ihnen der
 Versuchung nachgeben, Gott zu spielen, Leben zu erschaffen und so das Rad der
 Evolution zu beeinflussen. Erstmals öffentlich bekannt wurden diese Experimente
 mit Schlagzeilen über die angestrebte Kreuzung zwischen Eizellen von Schweinen
 und Menschen. Nur eine Minderheit lief dagegen Sturm, der Großteil der
 Bevölkerung vertraute wohl auf die ethischen Grundsätze der zivilisierten Welt
 und deren Durchsetzung durch die Regierungskräfte.
 
 Bis zu dem Tag, als ein gewissenloser Diktator, der sich, obwohl er unter der
 strengen Beobachtung der westlichen Streitkräfte stand, die Gier nach Macht und
 Ruhm eines an Wahnsinn grenzenden fanatischen Wissenschaftlers zu nutze machte.
 Sie gründeten einen Wissenschaftsstab, der in geheimen Labors eine Privatarmee
 heranzüchten sollte. Steckenpferd des schon erwähnten Wissenschaftlers war die
 Kreuzung zwischen Schwein und Mensch.
 
 Anfangs liefen die Versuchsreihen wie erwartet, die Aufzucht in der Retorte
 verlief problemlos und die Tests glückten - die "Schweinemenschen" waren
 geboren, sie hatten zwar die schon erwähnten Merkmale, aber ansonsten alle
 Voraussetzungen, um gute Soldaten zu werden. Doch wie sooft im Leben, spielte
 eine große unbekannte Variabel die entscheidende Rolle: Die Gene der Schweine
 waren stärker als die menschlichen und da Schweine sehr intelligente Wesen waren
 und sind, konnten sie ihre Veranlagungen vor den Wissenschaftlern geschickt
 verbergen.
 
 Ihrer schweinischen Abstammung verdankten sie auch das Kommunizieren ohne Worte.
 Es kam, wie es kommen musste, sie übernahmen die Herrschaft, vermehrten sich
 rasant und unterwarfen irgendwann die ganze Menschheit. Sie hassten die Menschen
 abgrundtief, tief in ihrem Innern würden sie nie das Leiden ihrer schweinischen
 Urahnen, die zusammengepfercht in Ställen leben mussten, vergessen. Ihr
 Urinstinkt schrie unweigerlich nach Vergeltung.....
 
 Bei diesen Gedanken fiel mir meine eigene Lage wieder ein. Nun wurden wir
 Menschen also in Scheunen gehalten und obwohl das Wesen schon hinausgegangen
 war, lachte hier immer noch niemand. Es wirkte furchterregend und gespenstig.
 Ich ließ mich wieder auf dieses undefinierbar braune leinenartige Gebilde
 plumpsen und verspürte irgendwie überhaupt keine Lust aus dem Schlafsack zu
 kriechen. Komisch, dass es den anderen nichts ausmacht, dachte ich gerade, als
 ich schon wieder an der Schulter gerüttelt wurde, gleichzeitig hörte ich ein
 Grunzen. Eigentlich grunzen die Wesen ja nur, wenn sie zufrieden sind. Das ist
 aber jetzt sehr merkwürdig, dachte ich, da ich ja eigentlich aufstehen sollte,
 und blickte verwundert in seine Richtung .
 
 Das Wesen hatte auf einmal richtig liebe Auge und eine sehr angenehme Stimme
 teilte mir mit, dass ich geschnarcht hätte. Zu meiner großen Freude war das gar
 nicht der Schweinemensch, sondern der liebe Mensch, der neben mir im Bett lag
 und den ich durch mein "Schnarchen" (<- was ich stark bezweifele, ich schnarche
 NIE) geweckt hatte. Und ich war zu Hause und in meinem Bett und nun auch richtig
 wach. So wach, dass ich köstlicherweise in vollem Bewusstsein sein verdutztes
 Gesicht sah, als ich zu ihm sagte: "Du glaubst ja gar nicht, wie froh ich bin,
 dass du so ein humanes Äußeres hast". ;-)
 
 - Gott sei Dank, es war alles nur ein Traum - , oder?
 
 © by Angelback (Angelika Backes)
 
 
 Ein schönes Leben
 wünscht euch
 
 Angelika
 Redaktion Netnews
 DLH.Net
 
 Ps: Über Mails von euch würde ich mich riesig freuen -> Angelback@dlh.net



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