*** Diese Editorial erscheint in den Ausgaben 1701 und 1801 ***
Lieber Jan,
seit zwei Wochen sitze ich nun bereits wieder vor der Glotze und verfolge
deinen Weg durch Frankreich. Als Bonner, und somit als Einwohner der
Deutsche Telekom-Hauptstadt ist man dazu ja verpflichtet und so findet
sich pünktlich zu Übertragungsbeginn vor dem Fernseher ein. Wir schauen
natürlich alle Eurosport und nicht ARD/ZDF, denn Klaus Angermann und
Toni Romminger sind ihren öffentlich-rechtlichen Konkurrenten um mehrere
Reifenstärken voraus, was Fachwissen und Witz angeht, ausserdem kennt
Klaus Angermann jeden Stein auf der gesamten Tour und kennt zu jeder
Kurven eine Story aus der Geschichte der Tour. So fangen viele Sätze an
wie etwa: "Gleich kommen wir an dem Haus vorbei wo 1951 Fausto Coppi .." oder
"Toni, bist du eigentlich mal ...". Fünf Stunden Live-Übertragung ohne
irgendeinen Spickzettel, das kann sonst niemand. Aber ich schweife ab ...
Also, lieber Jan, du wirst vermutlich das Ziel, die Tour erneut zu gewinnen,
auch dieses Jahr nicht erreichen. Aber mache dir nichts daraus, für mich
fährst du eine bärenstarke Tour. Du bestimmst mit deinem Team Telekom über
weite Strecken das Tempo, du hältst die Favoriten mit Tempofahren zusammen
und greifst dann im richtigen Moment an und lässt die Mitfavoriten stehen.
Nur halt einen nicht, aber was macht das schon? Bei der Tour im Gesamtergebnis
Zweiter zu werden ist aller Ehren wert, ein Lance Armstrong ist unter den
gegebenen Bedingungen nicht zu schlagen. Er ist eindeutig Herr der Lage und
beherrscht dich in jeder Phase des Rennens (bisher). Er hat dieses Jahr
eine überlegene Physis und mit seiner Spinning-Technik verfügt er über eine
Attacke-Waffe, der niemand gewachsen ist.
Da hilft es leider auch nichts, dass du dieses Jahr deiner Fähigkeiten
gleichmässig auf hohem Niveau zu fahren noch verbessert hast und dir (auf
Kosten von Erik Zabel) ein weiterer Helfer zur Verfügung gestellt wurde.
Sicher bist du dir bewusst, dass Lance dieses Jahr unschlagbar ist und
dennoch lässt du nicht den Kopf hängen und fährst weiter auf Angriff und
kommst in jeder Etappe unter den Ersten an. Was ich auch bewundernswert
finde ist, dass du nie öffentlich die Redlichkeit von Lance bezweifelst,
sondern du willst ihn bekämpfen, so wie er ist. Vielleicht wird ja später
mal jemand herausfinden, wieso Lance selbst bei grösster Belastung nicht
schwitzt und keine körperlichen Ermüdungserscheinungen zeigt.
Und so wirst du dann vermutlich Paris als Zweiter erreichen und dir für
nächstes Jahr wieder vornehmen, die Tour zu gewinnen. Vielleicht helfen
dir ja ein paar gut gemeinte Ra(d)tschläge, wie man Lance dann 2002 schlagen
kann:
- Klebe Leim auf seinen Sattel, dann kann er nicht zu seiner Spinning-Technik
aus dem Sattel steigen.
- Verstecke am Wegesrand ein paar Indianer, die Lance dann mit kleinen Pfeilen
mit Einschlafgift beschiessen.
- Verstecke vor dem Zeitfahren seinen Routenplan, dann verfährt er sich.
- Lasse ihm während einer Pinkelpause die Luft raus und nimm die Pumpe mit.
- Lade ihn an einem Ruhetag in ein spezielles französisches Etablissement ein,
so dass er sich voll verausgabt.
- Manipulieren seinen Funk und lass ihm den ganzen Tag Börsenkurse vorlesen.
Oder aber, trainiere im Winter auch die Spinning-Technik, denn wenn du diese
mit deinen Gleitfähigkeiten paarst, dann wirst du unschlagbar.
Sei dir gewiss, wenn du am Montag auf den Bonner Rathausplatz kommst wirst
du gefeiert und der andere auch, wie heisst er noch ? Emil, Ete oder so, du
weisst, der andere Typ, der der immer das gleiche grüne Hemdchen anhat, wenn
er aus Frankreich wiederkommt.